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«Opus Klassik» geht nach Basel

Basler Zeitung, 06.09.2018

Franz Xaver Richter (1709-1789)

Offizieller«Echo»-Nachfolgepreis
Von Simon Bordier

Berlin.
Das Capricornus Consort Basel wird mit dem ehrwürdigen «Opus Klassik» in der Kategorie «Sinfonische Einspielung des Jahres (Musik bis inklusive 18. Jahrhundert)» geehrt. Das Ensemble unter der Leitung des Barockgeigers Peter Barczi erhält den Preis für seine letzte CD mit Instrumentalwerken von Franz Xaver Richter (1709–1789), erschienen beim Label Christophorus.

Offizieller«Echo»-Nachfolgepreis
Von Simon Bordier

Berlin.
Das Capricornus Consort Basel wird mit dem ehrwürdigen «Opus Klassik» in der Kategorie «Sinfonische Einspielung des Jahres (Musik bis inklusive 18. Jahrhundert)» geehrt. Das Ensemble unter der Leitung des Barockgeigers Peter Barczi erhält den Preis für seine letzte CD mit Instrumentalwerken von Franz Xaver Richter (1709–1789), erschienen beim Label Christophorus. 
Beim «Opus Klassik» handelt es sich um den Nachfolge-Preis des «Echo Klas­sik», der bedeutendsten Plattenauszeichnung im deutschsprachigen Raum. Der «Echo Klassik» wurde wie die anderen «Echos» in den Bereichen Pop und Jazz dieses Jahr abgeschafft. Dies, nachdem die Vergabe eines «Echo Pop» an die umstrittenen Rapper Kollegah und Farid Bang für eine beispiellose Welle der Entrüstung gesorgt hatte. bor

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Triangelkrieg und Frieden

Basler Zeitung, 29.01.2018

75 Jahre FAMB „Senfl Reloaded“

Vielstimmiges Jubiläumskonzert
Von Simon Bordier

Basel.
Auf das bisher Erreichte blicken und «Halleluja» singen – so einfach wollten es sich die Freunde Alter MusikBasel (FAMB) am Samstag in der Basler Leonhardskirche nicht machen. Seit 75 Jahren ist der Verein bestrebt, seltene Werke der Alten Musik einem breiten Publikum schmackhaft zu machen. Dies geschieht erfolgreich in enger Kooperation mit der Schola Cantorum Basiliensis: Die Musikhochschule gibt neue Impulse, die FAMB wiederum einen Resonanzraum. Nicht anders war es beim Jubiläumskonzert am Samstag.

Vielstimmiges Jubiläumskonzert
Von Simon Bordier

Basel.
Auf das bisher Erreichte blicken und «Halleluja» singen – so einfach wollten es sich die Freunde Alter MusikBasel (FAMB) am Samstag in der Basler Leonhardskirche nicht machen. Seit 75 Jahren ist der Verein bestrebt, seltene Werke der Alten Musik einem breiten Publikum schmackhaft zu machen. Dies geschieht erfolgreich in enger Kooperation mit der Schola Cantorum Basiliensis: Die Musikhochschule gibt neue Impulse, die FAMB wiederum einen Resonanzraum. Nicht anders war es beim Jubiläumskonzert am Samstag. Präsentiert wurden Werke des Schweizer Renaissance-Komponisten Ludwig Senfl (ca. 1490–1543). Im Zentrum stand Senfls kirchliche Musik, die im Vergleich zu seinen Liedern weniger bekannt ist. Senfl war ab 1523 in München tätig und bediente dort vor allem katholische, aber bisweilen auch reformierte Auftragsherren, darunter Luther. Besonders intensiv war das Jahr 1530: Der Kaiser des Heiligen Römischen Reichs, Karl V., kam nach Bayern, um die reformierten Kräfte zu besänftigen und – so weitmöglich – die alte Ordnung wieder herzustellen. Am Samstag wurden nun einige Werke präsentiert, die Senfl im Kontext des Kaiser-Besuchs schrieb.

Sänger im Chorraum versteckt
Etwas enttäuschend war die «Missadominicalis L’homme armé»: Nicht, weil die Schola-Musiker dem Werk nicht gewachsen waren (im Gegenteil), sondern weil man sie aufgrund ihrer Position, versteckt im Chorraum, nicht ideal hörte. Einstimmige Abschnitte oder das kräftige «Sanctus» verfehlten nicht ihre Wirkung. Blass blieben aber die polyphonen Teile, in denen Senfl die Einheit in der Vielfalt zelebriert. Welch ein Unterschied, wenn die Sänger vors Publikum traten: In der Motette «Veni sancte spiritus» hörte man die Stimmen gleichsam wie eine Knospe aufblühen, «Martia terque quater» geriet zum mitreissenden Kaiserlob und in «Da pacem domine» verschmolzen Posaunen-, Zinken- und Sängerstimmen. Eine feine, persönliche Note brachte der Tenor Ivo Haun: Er präsentierte das melismatische Lied «Aus guetem Grund» sowie die rhythmusgetragene Ode «Altera iam teritur bellis civilibus aetas». Triangel sorgten in Letzterer für etwas Kriegsgetöse, ein Flöten- und Gambenkonsort fächerte den Klang auf und eine reizende Flötenstimme tanzte mit der Gesangsmelodie. Die von Ivo Haun, Ozan Karagöz, Federico Sepúlveda, Gerd Türk und Conrad Steinmann einstudierten Musiker zeigten, dass 1530 nicht nur der Glaube an die Einheit der Kirche noch intakt war, sondern dass Sänger und Instrumentalisten musikalisch an einem Strick zogen, Brüder im Geiste waren. In diesem Sinne: Happy Birthday FAMB.

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Eine Schneise durch den Notendschungel

Basellandschaftliche Zeitung, 26.01.2018

75 Jahre FAMB „Senfl Reloaded“

Alte Musik Zum 75. Geburtstag der Freunde Alter Musik Basel führt die Schola Cantorum Basiliensis Ludwig Senfl auf
Von Anja Wernicke

Archäologen sind bekannt für ihre Jagd nach Schätzen. Seit Indiana Jones weiss jedes Kind, das diese Jagd voller Abenteuer und Gefahren steckt. Nun seilen sich die Forscher und Musiker der Schola Cantorum Basiliensis nicht gerade in Dschungel-Schluchten ab oder graben sich durch vom Einsturz bedrohten Tempelruinen. Trotzdem sind sie so etwas wie Musik-Archäologen, die eine Schneise durch den Notendschungel schlagen.

Alte Musik Zum 75. Geburtstag der Freunde Alter Musik Basel führt die Schola Cantorum Basiliensis Ludwig Senfl auf
Von Anja Wernicke

Archäologen sind bekannt für ihre Jagd nach Schätzen. Seit Indiana Jones weiss jedes Kind, das diese Jagd voller Abenteuer und Gefahren steckt. Nun seilen sich die Forscher und Musiker der Schola Cantorum Basiliensis nicht gerade in Dschungel-Schluchten ab oder graben sich durch vom Einsturz bedrohten Tempelruinen. Trotzdem sind sie so etwas wie Musik-Archäologen, die eine Schneise durch den Notendschungel schlagen. Ihre Arbeit ist wie ein symbolischer Gang über eine morsche Hängebrücke, wie das Zusammensetzen einer zerbrochenen Vase. Meist beginnt die Schatzsuche in einem Klosterarchiv und endet – das ist das Besondere – nicht einfach mit dem Sichern, Besitzen und Ausstellen des Fundstücks. Vielmehr führt sie in das viel grössere Abenteuer: das musikalische Experiment. Klingende Hypothesen aufzustellen, darin sind Dozierende wie Studierende der Hochschule für Alte Musik FHNW einsame Spitze. Denn ob es um Besetzung, Aufführungsbedingungen, Tempo oder Artikulation geht, selten lassen sich endgültig sichere Aussagen treffen. Praktisch alle musikalischen Parameter sind Auslegungssache. Da es keine durchgehende Aufführungspraxis gibt und man sich erst im 20. Jahrhundert wieder begann für die Musik früherer Jahrhunderte zu interessieren, ist das Fragezeichen wohl der treuste Begleiter eines jeden Scholaren. Vielleicht klang es so, aber vielleicht klang es auch ganz anders?

 

Unspielbar gibt’s nicht
Hier kommen nun die Freunde AlterMusik Basel (FAMB) ins Spiel. Seit 75Jahren ermöglichen sie die Aufführung dieser musikalischen Fragezeichen vor einem grossen Publikum und bringen so die Arbeit der Schola Cantorum Basiliensis (SCB) zum Leben. Traditionell verantwortet die SCB-Leitung die künstlerischen Entscheidungen des Orchesters. Mit durchschnittlich sechs Konzerten pro Jahr hat der Verein vor allem historische Räume und Kirchen der Stadt bespielt, aber auch mit anderen Veranstaltern wie dem Theater Basel, der Kaserne, der Cembalomusik in der Stadt Basel oder dem Dom zu Arlesheim kooperiert.«Dank der Famb können wir immer wieder Experten von ausserhalb einladen, aber auch eigene, grössere Projekte stemmen, die sonst nicht möglich wären,» erläutert Martin Kirnbauer, der die Forschungsabteilung der SCB leitet. In Vorbereitung auf das Jubiläum haben nun Dozenten und Studenten ein Semester lang ihr Fragezeichen hinter den Renaissance-Komponisten Ludwig Senfl gesetzt, der vermutlich in Basel geboren wurde. Unter dem Titel «Senfl reloaded» wird so an das erste Konzert der Freunde Alter Musik erinnert, das ebenfalls Senfl-Liedern gewidmet war. 75 Jahre und 465 Konzerte später hat die musikalische Schatzsuche einige neue Erkenntnisse und eine kleine Sensation gebracht. Kirnbauer schreibt: «Die Sänger werden nur aus Originalnoten spielen. Sie stehen um ein grosses Chorbuch herum und werden von Zink und Posaune begleitet. Unter den Werken sind auch solche, die bislang als unspielbar galten. »Davon wird wohl nicht zuletzt auch die Senfl-Spezialistin Birgit Lodes aus Wien begeistert sein, die in einem Vortrag Senfl als politischen Komponisten beleuchtet.

 

«Senfl reloaded» Samstag, 27. Januar,
18 Uhr: Vortrag von Birgit Lodes in derMusik-Akademie Basel.
19.30 Uhr: Konzert in der Leonhardskirche, Basel.

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Wie die Alten spielten und sungen

Basler Zeitung, 26.01.2018

75 Jahre FAMB „Senfl Reloaded“

Die Freunde Alter Musik Basel begehen morgen ihr 75-Jahr-Jubiläum mit einem Konzert
Von Simon Bordier

Basel.
Glaubt man den Worten von Paul Sacher, so hatte die Alte Musik in den 1930er- und 1940er-Jahren nicht besonders viele Freunde. «Seit neun Jahren hat die Schola Cantorum Basiliensis bewiesen, dass diese Erweckung (der Kunstwerke in der Alten Musik) möglich ist», hält der Basler Musikmäzen 1942 nicht ohne Stolz fest.

Die Freunde Alter Musik Basel begehen morgen ihr 75-Jahr-Jubiläum mit einem Konzert
Von Simon Bordier

Basel.
Glaubt man den Worten von Paul Sacher, so hatte die Alte Musik in den 1930er- und 1940er-Jahren nicht besonders viele Freunde. «Seit neun Jahren hat die Schola Cantorum Basiliensis bewiesen, dass diese Erweckung (der Kunstwerke in der Alten Musik) möglich ist», hält der Basler Musikmäzen 1942 nicht ohne Stolz fest. Er hatte die Schola, diese weltweit einzigartige Institution für Alte Musik, selbst ins Leben gerufen. Aber: «Ihre Bestrebungen begegnen indessen insofern immer gewissen Schwierigkeiten, als in der Öffentlichkeit vielfach die Meinung herrscht, ihre Arbeit sei nur für einen engeren Kreis von Eingeweihten verständlich. »Aus Sicht Sachers konnte es so nicht weitergehen. Um dem Elfenbeinturm-Image entgegenzuwirken, rief er im selben Jahr einen Verein ins Leben. «Entlegenere Schöpfungen, die von der Forschung freigelegt worden sind, sollenunter möglichst genauer Berück-sichtigung ihrer historischen Voraussetzungen künstlerisch lebendig gemacht werden», so sein erklärtes Ziel. Am 28. Februar 1943 fand dann daserste Konzert des Vereins Freunde Alter Musik Basel (FAMB) statt.

Alte Musik boomt
75 Jahre später gibt es den Verein noch immer. Und die Verantwortlichen sind stolz auf die Entwicklung. Die Mitgliederzahl ist schliesslich von ursprünglich rund 100 auf heute gegen 300 gestiegen. «Es hat ein regelrechter Boom stattgefunden», meint FAMB-Geschäftsführerin Claudia Schärli. Die Alte Musik habe in all den Jahren aus ihrem Nischendasein herausgefunden, ein breites Publikum sei heute für Werke des Mittelalters, der Renaissance und des Barock sensibilisiert. Beleg dafür seien neben der FAMB Gründungen anderer Konzertreihen wie jene von Barockorchester & Vokalensemble La Cetra oder die Cembalomusik in der Stadt Basel (CIS). Hat die FAMB ihre Funktion – einen Resonanzboden für Alte Musik zu schaffen – damit erfüllt? Ist sie vielleicht sogar ersetzbar geworden? Dem sei keineswegs so, meint Schärli. Die Barockmusik habe zwar ihr Publikum gefunden, doch Werke des Mittelalters höre man immer noch relativ selten. «Wir möchten gerade jenen Musikern eine Plattform bieten, die andernorts in kein Schema passen.» Dabei suche man auch die Vernetzung mit anderen Veranstaltern. Schärli erinnert an ein besonderes Konzert Mitte Januar bei der Allgemeinen Lesegesellschaft: Da sassen fünf Sängerinnen und Sänger mit 33 Hörern gemeinsam an einem Tisch und sangen aus Madrigalbüchern. Um Stars wie den Cembalisten Andreas Staier nach Basel zu holen, tue man sich hin und wieder mit Veranstaltern wie CIS zusammen, erklärt Schärli. Die Gästeliste der letzten 75 Jahre liest sich wie ein Who is Who der Alten-Musik-Szene: Mitte der 60er-Jahre war Nikolaus Harnoncourt mit seinem Concentus Musicus hier, auch der Cembalist Gustav Leonhardt trat auf, dann der Countertenor Andreas Scholl oder 1997die Baritonlegende Dietrich Fischer-Dieskau, der aus Goethe-Briefen rezitierte. Thomas Drescher, als Direktor der Schola Cantorum zugleich künstlerischer Leiter der FAMB, macht in seinem Grusswort zum 75-Jahr-Jubiläum auf die Sprungbrettrolle aufmerksam: Bedeutende Ensembles wie Hespèrion XX bzw. XXI (Jordi Savall) oder Sequentia (Benjamin Bagby und Barbara Thornton), seien aus Studierendengruppen der SCB entstanden und hätten ihre ersten Auftritte bei den FAMB absolviert. Die Konzertreihe stehe «an der künstlerischen Front der Alten Musik», meint Drescher.

«Senfl reloaded»
Morgen gehen die FAMB zurück zu den Wurzeln. Zum 75-Jahr-Jubiläumwurde ein Programm mit Werken des Schweizer Renaissance-Musikers Ludwig Senfl (1490–1543) zusammengestellt. In den Anfangsjahren beschäftigte man sich an der Schola ausgiebig mit Senfl und das erste FAMB-Konzert 1943 war ihm gewidmet. Morgen, bei «Senfl Reloaded», wird aber nicht etwa das Programm von 1943 aus der Schublade geholt, sondern sein weniger bekanntes kirchliches Schaffen in den Mittelpunkt gestellt. Senfl war Schweizer, aber kein besonders bescheidener. Die Musikwissenschaftlerin Birgit Lodes schreibt: «In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts gehörte es für eine respektable Persönlichkeit – Herrscher und wohlhabende Bürger ebenso wie Künstler – geradezu zum guten Ton, eine eigene Medaille herstellen zu lassen. Von keinem anderen Komponisten oder Musiker des 16. Jahrhunderts aber ken-nen wir gleich vier (!) Medaillen.» Mehr zum historischen Kontext erfährt man morgen in einem Einführungsvortrag.

«Senfl Reloaded»: Morgen, 19.30 Uhr, Leonhardskirche Basel
(Einführung: 18 Uhr, Musik-Akademie, Kleiner Saal).
www.famb.ch

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Weltweit einzigartig

Programmzeitung Januar 2018, 03.01.2018

75 Jahre FAMB „Senfl Reloaded“

Von Christian Fluri

75 Jahre Freunde Alter Musik Basel.

Die Freunde Alter Musik Basel (FAMB) haben allen Grund zum Feiern. Mit ihren 75 Jahren ist die Institution weltweit der älteste Konzertverein, der sich ausschliesslich Alter Musik widmet, erklärt Thomas Drescher, künstlerischer Leiter der FAMB und Leiter der Schola Cantorum Basiliensis. Dieses einzigartige Forum präsentiert Musik zwischen Mittelalter und Barock bis Klassik – dies an vorderster Front der Forschung. Im Konzert wird sinnlich erfahrbar, was in Basel über historische Musikpraxis geforscht wird. «Die Alte Musik mit fundiertem und neuestem Wissen vital und kreativ zu halten, ist unsere anspruchsvolle Aufgabe», sagt Drescher. Dabei wechseln sich Ensembles, die aus der Schola hervorgegangen sind, mit renommierten eingeladenen ab. So wird der wichtige Austausch gepflegt.

75 Jahre Freunde Alter Musik Basel.

Die Freunde Alter Musik Basel (FAMB) haben allen Grund zum Feiern. Mit ihren 75 Jahren ist die Institution weltweit der älteste Konzertverein, der sich ausschliesslich Alter Musik widmet, erklärt Thomas Drescher, künstlerischer Leiter der FAMB und Leiter der Schola Cantorum Basiliensis. Dieses einzigartige Forum präsentiert Musik zwischen Mittelalter und Barock bis Klassik – dies an vorderster Front der Forschung. Im Konzert wird sinnlich erfahrbar, was in Basel über historische Musikpraxis geforscht wird. «Die Alte Musik mit fundiertem und neuestem Wissen vital und kreativ zu halten, ist unsere anspruchsvolle Aufgabe», sagt Drescher. Dabei wechseln sich Ensembles, die aus der Schola hervorgegangen sind, mit renommierten eingeladenen ab. So wird der wichtige Austausch gepflegt.

Die FAMB war schon bei der Gründung 1942 viel mehr als eine Konzertreihe. Der weitsichtige Dirigent und Mäzen Paul Sacher wollte die Forschungsarbeit der von ihm 1933 gegründeten Schola Cantorum Basiliensis in der Öffentlichkeit vorstellen und das interessierte Publikum zugleich an die Alte Musik binden. Deshalb gründete er einen Verein. Drescher spricht von «einer genialen Idee, die bis heute funktioniert». Er sieht darin einen wichtigen Grund, dass es in Basel seit langem ein stabiles und sehr kompetentes Pub­likum gibt, das sich mit den Entwicklungen der Alten Musik intensiv auseinandersetzt. Der mit der Schola eng verbundene niederländische Dirigent, Cembalist und Organist Gustav Leonhardt (1928–2012) habe einmal erklärt: «Normalerweise brauche ich im Konzert zehn Minuten, um das Publikum zu gewinnen. In Basel aber zeigt es von der ersten Sekunde an höchste Konzentration.»

Eigenständig und aktiv.

Der Verein hat sich in seiner Struktur seit 1942 leicht verändert. Durch die Integration der Berufsausbildung an der Schola Cantorum Basiliensis in die öffentlich­rechtliche Musik­Akademie im Jahr 1954 sowie durch die 2008 erfolgte Eingliederung in die Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) wurde eine klare Trennung vom staatlich subventionierten Ausbildungsinstitut notwendig. Die FAMB ist ein privater Verein geblieben und finanziert sich über eigene Mittel. Inhaltlich bleibt die enge Verbindung zur Schola und ihrer Forschung bestehen. Der Schola­Leiter ist statuarisch auch künstlerischer Leiter der FAMB.

Dass die FAMB heute feiern können, ist nicht ganz selbstverständlich, denn vor vier Jahren strich die Basler Regierung die langjährige Subvention. Dank privaten Spenden, Drittmitteln und projektbezogenen Swisslosfonds­Geldern konnte die Existenz gesichert werden. Aber die Planungs­sicherheit von früher ist dahin und der administrative Auf­wand ist grösser.

Offen für Neues.

Mit dem Jubiläumskonzert erinnern die FAMB ans erste offizielle Konzert des Vereins am 28. Februar 1943. Damals waren Lieder des Renaissance­Komponisten Ludwig Senfl zu hören, vorgetragen von Lehrkräften der Schola. Deshalb heisst das Festprogramm 2018 ‹Senfl Reloaded›. Senfl sei auch deshalb der geeignete Komponist für das Jubiläum, weil er als Basler reklamiert werden könnte, fügt Drescher an. Er wurde um 1490 in Basel oder Zürich geboren. Das Konzert wird wieder von der Schola bestritten – Federico Sepúlveda, Gerd Türk und Conrad Steinmann leiten Vokal­ und Instrumentalensembles mit Studierenden und Dozierenden. Um Senfls ‹L’homme armé›­Messe, 1530 in München für den Besuch Karls V. komponiert, werden unbekanntere Stücke gruppiert. Eine schöne Neuheit gibts: Der historischen Aufführungspraxis getreu wird nicht aus gedruckten Partituren, sondern aus einem faksimilierten historischen Chorbuch gesungen.

Generell präsentieren die FAMB­Konzerte immer wieder Neuerungen: etwa die Produktion ‹Von Königen, Göttern und Dämonen› im Mai 2018 mit Tanzkreationen zu barocker Musik. Neben reglementierten Gesellschaftstänzen habe es im 17. Jahrhundert freiere Formen als Kunsttanz gegeben, erläutert Drescher. Solchen ist der Auftritt der Tanzkompanie Chorea Basileae gewidmet, die vom Ensemble Ad Fontes begleitet wird.

FAMB-Jubiläumskonzert ‹Senfl Reloaded›: Sa 27.1., 19.30, Leonhardskirche Basel, www.famb.ch

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Verlorene Stimmen aus dem Mittelalter

Rezension in der Online-Ausgabe der Schweizer Musikzeitung, 23.03.2017

Monks Singing Pagans

www.musikzeitung.ch

von Anja Wernicke

Der Sänger und Harfenist Benjamin Bagby ist seit 1977 Leiter des Ensembles Sequentia und gilt als Pionier in der Rekonstruktion mittelalterlicher Lieder. Nun wurde er in Basel mit dem REMA Early Music Artist Award ausgezeichnet.

www.musikzeitung.ch

von Anja Wernicke

Der Sänger und Harfenist Benjamin Bagby ist seit 1977 Leiter des Ensembles Sequentia und gilt als Pionier in der Rekonstruktion mittelalterlicher Lieder. Nun wurde er in Basel mit dem REMA Early Music Artist Award ausgezeichnet.

Benjamin Bagby ist ein Puzzler. Seine Bauteile sind frühmittelalterliche Handschriften, die in Klosterarchiven und Bibliotheken liegen, gut versteckt und längst vergessen. Er stöbert sie auf und versucht sie in enger Zusammenarbeit mit Musikwissenschaftlern und Philologen zusammenzusetzen – immer mit der Frage im Hinterkopf, wie es damals geklungen haben könnte. Musikforschung ist so für einmal ganz unmittelbar zu erleben. Dabei beschäftigt sich Bagby in seinem Projekt Lost Songs nicht mit der bekannten Gregorianik, sondern mit der Tradition des singenden Erzählers ausserhalb der christlichen Liturgie. Schon seit 30 Jahren ist er in dieser Mission unterwegs. Begonnen hat das Projekt mit der Rekonstruktion des Beowulf-Epos. Dieses Heldengedicht geht vermutlich zurück auf das 6. Jahrhundert und ist in einer anonymen Handschrift aus der Zeit zwischen 975 und 1025 überliefert. Es ist wohl das älteste Zeugnis altenglischer Literatur. Grosse Popularität hat es durch die Herr der Ringe-Trilogie von J.R.R. Tolkien erlangt. Bagby setzt die Geschichte mit deutlich reduzierten Mitteln um. Nur mit Gesang und einer kleinen Mittelalter-Harfe auf den Knien nimmt er die Rolle des bardischen Geschichtenerzählers und Rezitators ein. Das Kernproblem seiner Rekonstruktionsversuche beschreibt er selbst auf der Website des Lost Songs-Projekts: «Eine schriftliche Quelle kann immer nur eine Version (und wahrscheinlich nicht unbedingt die beste Version) eines Textes abbilden, der einer mündlichen Tradition entspringt, die permanent im Fluss ist.» Bagbys Puzzles sind also stets hypothetisch, und diese experimentelle Annäherung an eine verlorene Kunst schafft einen faszinierenden Dialog mit der Vergangenheit, der gleichzeitig die Fantasie anregt.


Erstmals seit 1000 Jahren zu hören
Auch in Bagbys neuestem Programm der Lost Songs-Reihe ist das der Fall. Unter dem Titel Monks Singing Pagans (zu deutsch: Mönche singen Heiden) sind Texte aus sehr verschiedenen Quellen versammelt: von Zaubersprüchen aus dem 9. Jahrhundert bis hin zu der Liedersammlung Carmina Burana aus dem 13. Jahrhundert. Eine weniger bekannte, mystische Facette des Mittelalters wird dabei erlebbar, jenseits des Gaukler-Kitschs. Davon konnte sich das Basler Publikum am 17. März im Rahmen der Konzertreihe Freunde alter Musik Basel in der vollbesetzten Predigerkirche überzeugen. Hanna Marti (Gesang und Harfe) und Norbert Rodenkirchen (Knochenflöten und Holzflöten) schufen gemeinsam mit Benjamin Bagby eine innige Klangatmosphäre. Dabei war jederzeit zu spüren, dass die Musik hier vor allem Mittel ist, um die Texte und Geschichten emotional und lebhaft rüberzubringen. Die Übersetzungen der zum Teil sehr kuriosen Texte liessen sich dank Untertitelung mitlesen. Ein sächsisches Taufgelöbnis für konvertierte Heiden mahnte dazu, dem Teufel abzuschwören. Ein angelsächsischer Zauberspruch gegen Geschwüre lehrte Zysten, Beulen und kleinen Furunkeln das Fürchten und ein Neunkräutersegen beschwor Kerbel und Fenchel als Allheilmittel.

Ebenfalls auf dem Programm stand die Aufführung mehrerer Lieder, deren Melodien aus einem Cambridger Manuskript des frühen 11. Jahrhunderts rekonstruiert wurden. Eine Sensation! Denn die Lieder, die auf der Textsammlung Consolatio philosophiae (Trost der Philosophie) des Philosophen Boethius beruhen, waren nach 1000 Jahren erstmals wieder zu hören. Zu verdanken ist das dem Musikwissenschaftler Sam Barrett, der sich an der Cambridge Universität schon seit 20 Jahren mit der Entzifferung der Manuskripte beschäftigt. Gemeinsam mit Sequentia hat er die Aufführung der Lieder erarbeitet, die 2016 erstmals dargeboten wurde. Die praktische Erfahrung der Musiker war für Barrett essenziell, um verschiedene Versionen auszuprobieren, wie er in einem Interview erklärt.

Über eine Million verkaufter Platten
Jetzt wurde Bagby für sein bisheriges Schaffen mit dem REMA Early Music Artist Award geehrt. In seiner Dankesrede lobte er besonders den hohen Stellenwert der Schola Cantorum Basiliensis, an der auch er studiert hat und wo er die Sängerin Barbara Thornton kennenlernte.

1977 gründeten sie ebenda gemeinsam das Ensemble Sequentia. Bis zu Thorntons verfrühtem Tod im Jahr 1998 leiteten die beiden Sänger, die auch privat ein Paar waren, das Ensemble gemeinsam. Einen fixen Musikerkern gibt es bis heute nicht. Stattdessen variiert die Besetzung von 2 bis zu 16 Musikern, je nach Projekt. Das erfolgreichste Projekt des Ensembles war die Einspielung mehrerer CDs mit Musik von Hildegard von Bingen Anfang der Neunzigerjahre. Eine davon, mit dem Titel Canticles of Ecstasy, wurde mit internationalen Preisen ausgezeichnet (unter anderem Disque d’Or- und Grammy-Nominierung) und verzeichnet weltweit über eine Million verkaufter Exemplare. So erreichen die von Benjamin Bagby zum Leben erweckten Stimmen aus der Vergangenheit nicht nur Experten für Alte Musik, sondern auch ein breites Publikum.

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Im Bann des Mittelalters

Rezension in der Badischen Zeitung, 20.03.2017

Monks Singing Pagans

Der Sänger, Forscher und Harfenist Benjamin Bagby wird in Basel geehrt
von Simon Bordier 

Benjamin Bagby hat zu oft über die Launen der Schicksalsgöttin Fortuna gesungen, als dass er seine eigenen Erfolge an die grosse Glocke hängen würde. Mit einem Lächeln erinnert sich der Sänger und Harfenist an seinen grössten Verkaufsschlager, eine CD mit Gesängen der Mystikerin Hildegard von Bingen (1098–1179). Klar, man habe weltweit über eine Million Exemplare davon verkauft, meint er im BaZ-Gespräch. «Aber ich befürchte, das hatte weniger mit wachsendem Interesse an Gregorianik als mit geschicktem Marketing zu tun.» 

Der Sänger, Forscher und Harfenist Benjamin Bagby wird in Basel geehrt

Benjamin Bagby hat zu oft über die Launen der Schicksalsgöttin Fortuna gesungen, als dass er seine eigenen Erfolge an die grosse Glocke hängen würde. Mit einem Lächeln erinnert sich der Sänger und Harfenist an seinen grössten Verkaufsschlager, eine CD mit Gesängen der Mystikerin Hildegard von Bingen (1098–1179). Klar, man habe weltweit über eine Million Exemplare davon verkauft, meint er im BaZ-Gespräch. «Aber ich befürchte, das hatte weniger mit wachsendem Interesse an Gregorianik als mit geschicktem Marketing zu tun.» Die CD mit dem Titel «Canticles of Ecstasy» habe Anfang der 1990er-Jahre schlicht den Nerv der New-Age-Bewegung und ihrer esoterisch angehauchten Anhängerschaft getroffen.
Bagby selbst liegt Esoterik ziemlich fern, wie man am Freitag in der Predigerkirche Basel hören konnte. Bei dem Konzert der Freunde alter Musik Basel gab der 67-Jährige mit seinem Ensemble Sequentia «mittelalterliche Lieder von Helden, Göttern und starken Frauen» zum Besten. Das Trio – bestehend aus Bagby, Hanna Marti (Gesang und Harfe) und Norbert Rodenkirchen (Knochen- und Holzflöten) – entwickelte einen starken melodischen Bann. Mindestens so eindrücklich waren aber die gesungenen Texte: Die Kombination von christlichen und heidnischen Inhalten, von griechischen Göttern, Kraut und Rüben wirkte beinahe dadaistisch.

Preis für die Forschung
Den Rema Early Music Artist Award hätte Bagby als Esoteriker wohl auch gar nicht bekommen. Dieser wurde ihm im Anschluss an das Konzert für seine Verdienste mit dem 1977 gegründeten Ensemble und seine Forschung in mittelalterlicher Lyrik vergeben. Hinter dem Preis steckt Rema: ein europäisches Netzwerk für Alte Musik mit Sitz in Frankreich, dem gut 70 Institutionen aus 21 Ländern angehören. Die ersten Awards vergab Rema 2015 an die Schola Cantorum Basiliensis und das Hilliard Ensemble. Nebst Bagby wurde diesmal die digitale Forschungsplattform Early Music Sources.com von Elam Rotem und Jörg-Andreas Bötticher (auch bekannt als Cembalist der Schola Cantorum) ausgezeichnet.

Pionierarbeit geleistet
Bagby kam Mitte der 70er-Jahre aus den USA fürs Studium an die Basler Forschungs- und Lehrstätte: «Wer sich für Alte Musik interessierte, für den gab es nichts Grösseres als die Schola.» Es herrschte Aufbruchstimmung in einem Bereich, für den sich damals nur Exoten interessierten. Und so fing auch Sequentia als Studentengruppe an. Den Kern bildeten Bagby und seine Mitstudentin, Sängerin und Lebensgefährtin Barbara Thornton. Sie gingen nach dem Studium nach Köln. Der Anfang war abenteuerlich, doch dann gelangen in Kooperation mit dem Westdeutschen Rundfunk erste wichtige Aufnahmen. Seitdem hat das Ensemble mal in kleinerer, mal grösserer Besetzung Pionierarbeit geleistet.
Nebst einem grossen Zyklus mit Liedern von Bingens hat sich das Ensemble insbesondere um die historische Rekonstruktion des «Beowulf»-Epos verdient gemacht. Ein tiefer Einschnitt erfolgte dann im Jahr 1998 mit dem frühen Tod von Sequentia-Mitbegründerin Barbara Thornton. Heute ist Bagbys Hauptwirkungsstätte an der Universität Sorbonne in Paris.
«Der Rema-Award freut mich besonders, weil die Musik des Mittelalters oft im Schatten des Barocks steht», meint der Preisträger. Sonderlich zu beunruhigen scheint ihn dies aber nicht. Ihm sei klar, dass die Welt des Mittelalters eine völlig andere sei als die, in der wir heute lebten. Und doch könne man Bezüge herstellen. So beschäftige sich Benjamin Bagby zurzeit mit dem satirischen «Roman de Fauvel». Darin steht ein Mischwesen, ein Pferd oder ein Esel, im Mittelpunkt, das alle denkbar schlechten Eigenschaften in sich vereinigt – und an die Macht kommt. «Der Aktualitätsbezug ergibt sich fast von selbst», sagt Bagby.

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Die heidnischen Gesänge der Mönche

Rezension in der Basellandschaftlichen Zeitung, 14.03.2017

Monks Singing Pagans

Alte Musik Ein Musiker, der dem Mittelalter eine Stimme gibt: Benjamin Bagby, der Amerikaner mit Basel-Bezug
von: Nikolaus Broda

Sooo weit weg ist das Mittelalter. Mindestens so weit, wie der legendäre Planet Coruscant aus dem Star-Wars-Epos. Oder der Holzstich der flachen Erdscheibe, an dessen Rand ein Wanderer ins Universum guckt. Solche Bilder haben unsere Vorstellungen vom Mittelalter – von knapp 1000 Jahren – geprägt. Und nicht nur die.

Alte Musik Ein Musiker, der dem Mittelalter eine Stimme gibt: Benjamin Bagby, der Amerikaner mit Basel-Bezug

Sooo weit weg ist das Mittelalter. Mindestens so weit, wie der legendäre Planet Coruscant aus dem Star-Wars-Epos. Oder der Holzstich der flachen Erdscheibe, an dessen Rand ein Wanderer ins Universum guckt. Solche Bilder haben unsere Vorstellungen vom Mittelalter – von knapp 1000 Jahren – geprägt. Und nicht nur die.
Hautnah erleben und schmecken und hören können wir das Mittelalter zumindest in der warmen Jahreszeit beinahe jedes Wochenende. Überall dort, wo Mittelaltermärkte Pilz spielen und ungefragt aus dem Boden schiessen. Das Eine hat so wenig mit dem Mittelalter zu tun, wie das Andere, kommt aber an – auch wenn diese Zeit vielleicht gar nicht interessiert, Hauptsache, wir schaffen’s mit dem Auto zum Event ...

Seit der Kindheit fasziniert
Aber: Da gibt’s diejenigen, die sich mit der Epoche auseinandersetzen – nicht nur theoretisch, sondern auch ganz praktisch. Und was die tun, das kommt eben auch an. Wie zum Beispiel Konzerte von und mit Benjamin Bagby. Der sitzt schon als 10-jähriger in seinem Bett in Evanston Illinois und liest den altenglischen Epos «Beowulf» auf Spätwestsächsisch. Das gibt’s wirklich.
Bagby macht noch heute Aufführungen in dieser Sprache und hat damit auf der ganzen Welt Erfolg. Aber der junge Benjamin liest nicht nur, er singt auch, er lernt Harfe, beschäftigt sich zusehends mit dieser Epoche, mit dem Leben, der Sprache, der Musik und ist von diesem Mittelalter immer stärker fasziniert.
Nach ersten Studien in den USA kommt der junge Mann in die Schweiz, nach Basel. Die Schola Cantorum, die Kaderschmiede für Alte Musik, versorgt ihn weiter mit dem Elixier Mittelalter. 1977, zum Abschluss seiner Studien, gründet er in Basel das Ensemble Sequentia mit seiner Kollegin und langjährigen Partnerin, Barbara Thornton. Und diese Mittelalterband hat vom ersten Konzert an unglaublichen Erfolg. Die Musiker sprechen die Zuhörer an, und das nicht nur wegen der seltsamen Instrumente, die sie spielen.
Mittlerweile ist das alles gar nicht mehr so seltsam, auch die Musik, hat sich herumgesprochen, tut nicht weh, und inzwischen sind viele verschiedene Aufnahmen mit Sequentia entstanden. Geistliche Musik aus Klöstern zum Beispiel, oder eine komplette Aufnahme der Werke von Hildegard von Bingen, die nicht nur eine Drogerie betrieben hat.
Ein weiteres Thema, das Sequentia am Freitag, 17. März, in der Predigerkirche in Basel in einem Konzert behandeln wird, ist «Monks Singing Pagans», so heisst das Jubiläums-Programm zu 40 Jahre Sequentia. Das bedeutet übersetzt in etwa, Mönche singen Heidnisches: Lieder von Göttern, Helden und starken Frauen. Wir erfahren: In den Klöstern wurde nicht nur die Bibel gelesen. Musik aus zirka 300 Jahren hören wir. Da gibt’s Verschiedenstes. Texte die von Odin und Christus erzählen, von Orpheus und dem Held Herkules. Oder Geschichten über Königin Kleopatra und die darbende Dido.

Ehrung für den Meister
Und nach dem Schlussapplaus darf nicht gleich der Mantel von der Garderobe geholt werden, denn dann bekommt Bagby für sein Lebenswerk einen kleinen, feinen Preis. Ihm wurde der Rema Early Music Award verliehen, ein Preis der vom Netzwerk für Alte Musik (Réseau Européen de Musique Ancienne) vergeben wird. Die sehr ansprechende und informative Dankesrede von Bagby ist bereits im weiten weltlichen Netz zu sehen und zu hören: vimeo.com/194966339 – da erzählt der Grandseigneur der ganz Alten Musik seine Sicht der Dinge, und wir merken, dass das Mittelalter sooo weit weg vielleicht doch gar nicht ist.

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Bei „Partita 2“ kreiseln die Tänzer im Turnhallenflair

Veröffentlicht in der gedruckten Ausgabe der Badischen Zeitung, 09.03.2017

Partita 2 (Tanzperformance)

Mo, 27. Februar 2017
von: Michael Baas

Anna Teresa De Keersmaeker und Boris Charmatz mit ihrer Choreografie auf Bachs „Partita 2“ in der Kaserne Basel.

Die Choreografie beginnt im tiefen Dunkel mit Livemusik. Solo spielt die Violinistin Amandine Beyer in der pechschwarzen Reithalle der Kaserne Basel Johann Sebastian Bachs „Partita 2 d-Moll“, eine der vielen laut Rezeptionsgeschichte streng mathematisch strukturierten Kompositionen des Barock-Komponisten. Die naturtrüben Tonfarben der historischen Aufführungspraxis, der sich die Französin verschrieben hat, deuten indes schon an, dass das fünfsätzige an klassischen Tanzreihen orientierte Werk durchaus Unberechenbares in sich trägt. Nach gefühlten 15 Minuten verlässt Beyer mit klackerndem Schritt die immer noch stockfinstere Spielfläche und die „Partita 2“ bleibt als Echo, als Projektionsfläche stehen – „der Barock“ ein schwarzes Loch sozusagen.

Mo, 27. Februar 2017
von: Michael Baas

Anna Teresa De Keersmaeker und Boris Charmatz mit ihrer Choreografie auf Bachs „Partita 2“ in der Kaserne Basel.

Die Choreografie beginnt im tiefen Dunkel mit Livemusik. Solo spielt die Violinistin Amandine Beyer in der pechschwarzen Reithalle der Kaserne Basel Johann Sebastian Bachs „Partita 2 d-Moll“, eine der vielen laut Rezeptionsgeschichte streng mathematisch strukturierten Kompositionen des Barock-Komponisten. Die naturtrüben Tonfarben der historischen Aufführungspraxis, der sich die Französin verschrieben hat, deuten indes schon an, dass das fünfsätzige an klassischen Tanzreihen orientierte Werk durchaus Unberechenbares in sich trägt. Nach gefühlten 15 Minuten verlässt Beyer mit klackerndem Schritt die immer noch stockfinstere Spielfläche und die „Partita 2“ bleibt als Echo, als Projektionsfläche stehen – „der Barock“ ein schwarzes Loch sozusagen.

Plötzlich zerschneidet ein kegelförmiger Lichtstrahl vom Rand dieses Dunkelfeld. In der Stille und im diffusen Zwielicht links und rechts des schmalen Spots tauchen Anne Teresa De Keersmaeker und Boris Charmatz auf. Die 56-jährige Belgierin, eine Koryphäe des zeitgenössischen Tanzes und auf fast allen großen europäischen Festivals anzutreffen, sowie der 44-jährige Franzose haben Bachs Werk mit Beyer als Dritter im Bunde in einem zweijährigen Arbeitsprozess in ein zeitgenössisches Tanzstück transferiert. Uraufgeführt wurde das bereits 2013 und war damals unter anderen beim Berliner Tanzfestival „Foreign Affairs“ zu sehen.

Schemenhaft wie Figuren eines Scherenschnitts huschen Tänzerin und Tänzer nun über die spartanisch leere Spielfläche. Gleichsam unter der Glocke der nur als Erinnerung präsenten Musik ziehen sie tonlos ihre Bahnen entlang mit Kreide auf dem Boden angedeuteter Kreise. Sie schreiten. Sie laufen. Sie rennen. Sie hüpfen. Sie drehen sich um die eigene Achse. Sie probieren sich aus. Sie wiederholen, akkumulieren und kombinieren, paraphrasieren und konterkarieren ihre Bewegungen. Die zierliche, kleine Frau und der fast zwei Köpfe größere, schlaksige Mann kommen sich näher, werden sich in virtuosen Bewegungen gar gegenseitig zum Schatten. Mal bewegen sie sich synchron, mal asynchron. Aber immer antizipieren sie ihre Körperlichkeit, kreieren Körperbilder und einen auf Korrespondenzen beruhenden Bewegungsfluss: Sie schultert ihn, er wirbelt sie.

Es ist eine durchaus an Gymnastik erinnernde Tanzsprache. Das Turnhallenflair, die durch kaltes Neonlicht ergänzte Beleuchtung und das Outfit, die blauen und roten Turnschuhe, Charmatz’ Trainingsjacke und De Keersmaekers legeres schwarzes Kleid unterstreichen dieses sportliche Element noch. Das höfische bis ins Detail festgelegte und in Bachs Musik eingeflossene Barock-Zeremoniell gerät so jedenfalls zum Rohstoff einer vom neuen Körperbewusstsein der Lifestyle-Gesellschaft getränkten Übungseinheit, die mit der Zeit indes etwas zähflüssig gerät.

Der dritte Block verbindet Alte Musik und Neuen Tanz unmittelbar. Während Amandine Beyer im Zentrum der sich überschneidenden Kreise die „Partita 2“ spielt, die schwerblütige Sarabande mit den kreisenden Figuren oder die pulsierende Giga, nehmen De Keersmaeker und Charmatz zuvor entwickelte Motive und Bilder wieder auf, variieren sie, passen sie an an Bachs Musik, und übersetzen diese auch mal humorvoll in eine Bewegungssprache des 21. Jahrhunderts. In der abschließenden Chaconne steigert das Duo das in einen Rausch geteilter Bewegungen, die in dem Spannungsfeld der gefälligen Musik und des kalten, leeren Neonambientes eine irritierende Wirkung entfalten. Ein choreografisches Kleinod, das schon Beobachter der Aufführung in Berlin zum Ereignis erklärten. Das Basler Publikum sah das vom Beifall her zu schließen ebenso.

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So virtuos wie Paganini

Rezension in der Basellandschaftlichen Zeitung, 28.11.2016

Regina Bastarda

Konzert Paolo Pandolfo und das Vokalensemble La Pedrina begeistern bei den Freunden Alter Musik Basel
von Jenny Berg

Es ist voll in der Predigerkirche, wie so oft, wenn die Freunde Alter Musik zum Konzert laden. Doch diesmal ist es besonders aussichtslos, einen Platz im Hauptschiff zu ergattern: Nicht nur, weil mit Paolo Pandolfo der derzeit innovativste Gambist auf dem Podium steht, sondern auch, weil zahlreiche Forschende und Alte- Musik-Fans aus aller Welt in dieser Woche nach Basel gekommen sind. Denn die Schola Cantorum hat wieder einmal ein attraktives Päckchen geschnürt für all jene, die die neuesten Forschungserkenntnisse aus der historisch informierten Aufführungspraxis aus erster Hand erfahren wollten.

Konzert Paolo Pandolfo und das Vokalensemble La Pedrina begeistern bei den Freunden Alter Musik Basel
von Jenny Berg

Es ist voll in der Predigerkirche, wie so oft, wenn die Freunde Alter Musik zum Konzert laden. Doch diesmal ist es besonders aussichtslos, einen Platz im Hauptschiff zu ergattern: Nicht nur, weil mit Paolo Pandolfo der derzeit innovativste Gambist auf dem Podium steht, sondern auch, weil zahlreiche Forschende und Alte- Musik-Fans aus aller Welt in dieser Woche nach Basel gekommen sind. Denn die Schola Cantorum hat wieder einmal ein attraktives Päckchen geschnürt für all jene, die die neuesten Forschungserkenntnisse aus der historisch informierten Aufführungspraxis aus erster Hand erfahren wollten.
Aber der Reihe nach: Die Musikwoche beginnt am Mittwoch mit einem Studientag zur Viola bastarda. Über 120 Interessierte folgen im Zunftsaal des Schmiedenhofs den Vorträgen der Forscherinnen und Musiker. Noch weiss niemand ganz genau, wie die Viola bastarda im Italien des 16. und 17. Jahrhunderts wirklich ausgesehen hat; ob es sich dabei eher um eine kleinere, oder gar eine grössere Viola da Gamba handelt. Denn die Viola bastarda spielt im Ensemble virtuose Verzierungen, die durch alle anderen Melodielinien hindurchwandern – vom tiefen Bass bis zum hohen Diskant. Letzteres wäre auf einem kleineren Instrument einfacher, Ersteres auf einem Grösseren.
Die Schola Cantorum setzt in ihrem Forschungsprojekt nun auf einen Kompromiss, und wie dieser erste Nachbau klingt, kann man nicht nur am Studientag, sondern auch beim Konzert am Freitagabend bei den Freunden Alter Musik hören.

Athletische Verzierungen
Gleich das erste Stück, eine Toccata von Francesco Bassani, spielt Paolo Pandolfo auf diesem neuen Instrument. Hell klingt es, tragend und sonor. Doch die mehr als 300 Jahre alte Viola da Gamba, auf die Pandolfo im Anschluss wechselt, hat einen weitaus grösseren Charme. Weich und strahlend zugleich, durchdringend bis zum leisesten Pianissimo, füllt sie den gesamten Raum der vollbesetzten Predigerkirche.
Die athletischen Verzierungen der Viola bastarda-Diminutionen, die mit halsbrecherisch schnellen Läufen die Melodien der damaligen Hits auffüllt, bereiten Pandolfo keine Mühe – vielmehr ist er einer der wenigen Interpreten, der ihnen in all dem Notengetümmel eine Struktur zu geben vermag. Die Melodielinien sind stets klar – was auch der schlüssigen Konzertdramaturgie zu verdanken ist. Da die Musik für Viola bastarda auf vokalen Vorlagen beruht, werden sie hier stets vor der instrumentalen Version gesungen – wunderbar klar und homogen vom Ensemble La Pedrina. Lebendig und sehr textbezogen erzählen sie singend von den süssen Erinnerungen in Pierre Sandrins «Doulce memoire», von der Anbahnung eines Liebesspiels in Thomas Crecquillons «Ung gay berger».
Und um die Akustik der Kirche voll auszukosten, positionieren sich die Sänger stets an anderen Stellen: Im geheimnisvoll dunklen Chor, auf der Orgelempore, und mitten zwischen den Zuhörenden. Und dass Paolo Pandolfo manche Stücke an diesem Abend frei improvisiert, das kann man nur auf Nachfrage herausfinden – so echt klingen seine eigenen Improvisationen, so frei sein Spiel ab Noten.

Ein neues altes Instrument
Tags darauf geht es für die Forscher und Musikfans weiter im dreitägigen Symposium «Stimme – Instrument – Vokalität », das sich der menschlichen Stimme als stetes Vorbild für die Instrumentalmusik aller Stile und Jahrhunderte widmet. Hier sind unter anderem die ersten Töne eines exklusiven neuen Nachbaus zu erleben: des Arciorganos, einer enharmonischen Orgel mit 36 Tasten pro Oktave (statt der normalen zwölf ). Damit hat sich die Schola Cantorum Basiliensis in diesen Tagen nicht nur als erstklassige Ausbildungs- und Lehrstätte hervorragender Musiker bewiesen, nicht nur als innovatives und vielseitiges Forschungsinstitut, das neben dem Quellenstudium auch Instrumente nachbaut, sondern auch als exzellenter Veranstalter präsentiert, dessen international anerkannter Ruf auch das heimische Publikum anzuziehen vermag.

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Weihnachten mit Hüftschwung

Rezension in der Basellandschaftlichen Zeitung, 09.12.2015

En la noche más buena

Das Ensemble Ars Longa spielte in Basel weihnachtliche Stücke mit kubanischem Einschlag
von Anja Wernicke

Alle Jahre wieder dürfen wir auf den Konzertbühnen erfahren, auf welch unterschiedliche Weisen in den verschiedenen christlich geprägten Ecken unserer Welt Weihnachten begangen wird. Dass es dabei an einigen Orten lebhafter zugeht als im mitteleuropäischen Raum, ist bekannt. Wie anmutige Renaissancemusik aus dem 17. Jahrhundert mit dem lateinamerikanischen Hüftschwung zusammengeht, liess sich am dritten Abokonzert der Freunde Alter Musik Basel in der Predigerkirche erleben.
Das Ensemble Ars Longa war vor 17 Jahren das erste in Kuba, das sich im Sinne der historisch informierten Aufführungspraxis der Alten Musik widmete. Unter der Leitung der Sopranistin Teresa Paz stehen besonders Komponisten im Fokus, die in Lateinamerika gewirkt haben. Zum Beispiel Gaspar Fernández (ca. 1565 vermutlich in Guatemala geboren, 1629 in Puebla gestorben) und Juan Gutiérrez de Padilla (ca. 1590–1664), der aus Málaga stammte. Beide waren Kapellmeister an der Kathedrale de los Ángeles in Puebla im heutigen Mexiko, zur Kolonialzeit Neu- Spanien genannt.

Bemerkenswerte Sammlung
Bemerkenswert ist die Sammlung von 300 mehrstimmigen Stücken, die zwischen 1609 und 1616 an der Kathedrale entstanden, als Fernandez dort wirkte. Sie zeugen von einem vielfältigen musikalischen Schaffen, das nicht nur von der europäischen Musiziertradition beeinflusst wurde, sondern auch von lokalen Stilen. Teresa Paz, die mit ihrem Ensemble bereits an zahlreichen Festivals in Europa aufgetreten ist, verrät in einem Interview, dass sie besonders Freude hat, diese polyphone Musik, die vor 500 Jahren nach Südamerika kam, nun mit kubanischem Flair nach Europa zurückzubringen. Und dieses Lokalkolorit schlug sich beim Auftritt von Ars Longa in Basel vor allem darin nieder, wie die Sänger (Sopran, Mezzo, Alt und Bariton) und Musikerinnen (Bläser, Gamben, Gitarre und Orgel) auftraten, nämlich mit einer überraschenden Lebendigkeit und tänzerischer Spannung. Homogen im Zusammenspiel liessen sie jederzeit einen schwingenden Puls spüren, der die weichen Stimmen und Klangfarben der Bläser wie auf einer Welle zu tragen schien.

Oft wiederholte Stellen, die schnell ermüden können, blieben hier stets frisch und lebendig.
Mit grosser Musikalität boten die Sänger die Weihnachtslieder mit einem stark erzählenden Duktus dar, der jederzeit mit reichen Gesten, anmutigen Tanzschritten und sanftmütig darstellerischer Spannung herübergebracht wurde. Gern hätte man die Texte auf einem Programmzettel verfolgt. Die rezitativ-artigen Stellen, die in manchen Aufführungen dieser Musik wegen ihrem wiederholenden Charakter schnell ermüden können, blieben hier stets frisch und lebendig.
Gegen Ende des Konzerts forderten die beiden Sängerinnen gar das Publikum bei dem Lied «Ah, negrito de Cucurumbé » von Fernandez zum Paartanz auf. Zugegeben: Dabei hatten sie es mit dem mitteleuropäischen Temperament etwas schwer.
Die Zugabe «Sa aqui turo zente pleta» von einem anonymen Autor aus Portugal war dann schon fast ein kleines Theaterstück, in dem die Musiker immer wieder in eine Art Rausch zu verfielen schienen. Weihnachten mit Latino- Hüftschwung: An Heiligabend lässt sich das Konzert auf Radio SRF 2 Kultur nachhören.

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