Freunde alter Musik Basel

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Weihnachten mit Hüftschwung

Rezension in der Basellandschaftlichen Zeitung, 09.12.2015

En la noche más buena

Das Ensemble Ars Longa spielte in Basel weihnachtliche Stücke mit kubanischem Einschlag
von Anja Wernicke

Alle Jahre wieder dürfen wir auf den Konzertbühnen erfahren, auf welch unterschiedliche Weisen in den verschiedenen christlich geprägten Ecken unserer Welt Weihnachten begangen wird. Dass es dabei an einigen Orten lebhafter zugeht als im mitteleuropäischen Raum, ist bekannt. Wie anmutige Renaissancemusik aus dem 17. Jahrhundert mit dem lateinamerikanischen Hüftschwung zusammengeht, liess sich am dritten Abokonzert der Freunde Alter Musik Basel in der Predigerkirche erleben.
Das Ensemble Ars Longa war vor 17 Jahren das erste in Kuba, das sich im Sinne der historisch informierten Aufführungspraxis der Alten Musik widmete. Unter der Leitung der Sopranistin Teresa Paz stehen besonders Komponisten im Fokus, die in Lateinamerika gewirkt haben. Zum Beispiel Gaspar Fernández (ca. 1565 vermutlich in Guatemala geboren, 1629 in Puebla gestorben) und Juan Gutiérrez de Padilla (ca. 1590–1664), der aus Málaga stammte. Beide waren Kapellmeister an der Kathedrale de los Ángeles in Puebla im heutigen Mexiko, zur Kolonialzeit Neu- Spanien genannt.

Bemerkenswerte Sammlung
Bemerkenswert ist die Sammlung von 300 mehrstimmigen Stücken, die zwischen 1609 und 1616 an der Kathedrale entstanden, als Fernandez dort wirkte. Sie zeugen von einem vielfältigen musikalischen Schaffen, das nicht nur von der europäischen Musiziertradition beeinflusst wurde, sondern auch von lokalen Stilen. Teresa Paz, die mit ihrem Ensemble bereits an zahlreichen Festivals in Europa aufgetreten ist, verrät in einem Interview, dass sie besonders Freude hat, diese polyphone Musik, die vor 500 Jahren nach Südamerika kam, nun mit kubanischem Flair nach Europa zurückzubringen. Und dieses Lokalkolorit schlug sich beim Auftritt von Ars Longa in Basel vor allem darin nieder, wie die Sänger (Sopran, Mezzo, Alt und Bariton) und Musikerinnen (Bläser, Gamben, Gitarre und Orgel) auftraten, nämlich mit einer überraschenden Lebendigkeit und tänzerischer Spannung. Homogen im Zusammenspiel liessen sie jederzeit einen schwingenden Puls spüren, der die weichen Stimmen und Klangfarben der Bläser wie auf einer Welle zu tragen schien.

Oft wiederholte Stellen, die schnell ermüden können, blieben hier stets frisch und lebendig.
Mit grosser Musikalität boten die Sänger die Weihnachtslieder mit einem stark erzählenden Duktus dar, der jederzeit mit reichen Gesten, anmutigen Tanzschritten und sanftmütig darstellerischer Spannung herübergebracht wurde. Gern hätte man die Texte auf einem Programmzettel verfolgt. Die rezitativ-artigen Stellen, die in manchen Aufführungen dieser Musik wegen ihrem wiederholenden Charakter schnell ermüden können, blieben hier stets frisch und lebendig.
Gegen Ende des Konzerts forderten die beiden Sängerinnen gar das Publikum bei dem Lied «Ah, negrito de Cucurumbé » von Fernandez zum Paartanz auf. Zugegeben: Dabei hatten sie es mit dem mitteleuropäischen Temperament etwas schwer.
Die Zugabe «Sa aqui turo zente pleta» von einem anonymen Autor aus Portugal war dann schon fast ein kleines Theaterstück, in dem die Musiker immer wieder in eine Art Rausch zu verfielen schienen. Weihnachten mit Latino- Hüftschwung: An Heiligabend lässt sich das Konzert auf Radio SRF 2 Kultur nachhören.

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So virtuos wie Paganini

Rezension in der Basellandschaftlichen Zeitung, 28.11.2016

Regina Bastarda

Konzert Paolo Pandolfo und das Vokalensemble La Pedrina begeistern bei den Freunden Alter Musik Basel
von Jenny Berg

Es ist voll in der Predigerkirche, wie so oft, wenn die Freunde Alter Musik zum Konzert laden. Doch diesmal ist es besonders aussichtslos, einen Platz im Hauptschiff zu ergattern: Nicht nur, weil mit Paolo Pandolfo der derzeit innovativste Gambist auf dem Podium steht, sondern auch, weil zahlreiche Forschende und Alte- Musik-Fans aus aller Welt in dieser Woche nach Basel gekommen sind. Denn die Schola Cantorum hat wieder einmal ein attraktives Päckchen geschnürt für all jene, die die neuesten Forschungserkenntnisse aus der historisch informierten Aufführungspraxis aus erster Hand erfahren wollten.

Konzert Paolo Pandolfo und das Vokalensemble La Pedrina begeistern bei den Freunden Alter Musik Basel
von Jenny Berg

Es ist voll in der Predigerkirche, wie so oft, wenn die Freunde Alter Musik zum Konzert laden. Doch diesmal ist es besonders aussichtslos, einen Platz im Hauptschiff zu ergattern: Nicht nur, weil mit Paolo Pandolfo der derzeit innovativste Gambist auf dem Podium steht, sondern auch, weil zahlreiche Forschende und Alte- Musik-Fans aus aller Welt in dieser Woche nach Basel gekommen sind. Denn die Schola Cantorum hat wieder einmal ein attraktives Päckchen geschnürt für all jene, die die neuesten Forschungserkenntnisse aus der historisch informierten Aufführungspraxis aus erster Hand erfahren wollten.
Aber der Reihe nach: Die Musikwoche beginnt am Mittwoch mit einem Studientag zur Viola bastarda. Über 120 Interessierte folgen im Zunftsaal des Schmiedenhofs den Vorträgen der Forscherinnen und Musiker. Noch weiss niemand ganz genau, wie die Viola bastarda im Italien des 16. und 17. Jahrhunderts wirklich ausgesehen hat; ob es sich dabei eher um eine kleinere, oder gar eine grössere Viola da Gamba handelt. Denn die Viola bastarda spielt im Ensemble virtuose Verzierungen, die durch alle anderen Melodielinien hindurchwandern – vom tiefen Bass bis zum hohen Diskant. Letzteres wäre auf einem kleineren Instrument einfacher, Ersteres auf einem Grösseren.
Die Schola Cantorum setzt in ihrem Forschungsprojekt nun auf einen Kompromiss, und wie dieser erste Nachbau klingt, kann man nicht nur am Studientag, sondern auch beim Konzert am Freitagabend bei den Freunden Alter Musik hören.

Athletische Verzierungen
Gleich das erste Stück, eine Toccata von Francesco Bassani, spielt Paolo Pandolfo auf diesem neuen Instrument. Hell klingt es, tragend und sonor. Doch die mehr als 300 Jahre alte Viola da Gamba, auf die Pandolfo im Anschluss wechselt, hat einen weitaus grösseren Charme. Weich und strahlend zugleich, durchdringend bis zum leisesten Pianissimo, füllt sie den gesamten Raum der vollbesetzten Predigerkirche.
Die athletischen Verzierungen der Viola bastarda-Diminutionen, die mit halsbrecherisch schnellen Läufen die Melodien der damaligen Hits auffüllt, bereiten Pandolfo keine Mühe – vielmehr ist er einer der wenigen Interpreten, der ihnen in all dem Notengetümmel eine Struktur zu geben vermag. Die Melodielinien sind stets klar – was auch der schlüssigen Konzertdramaturgie zu verdanken ist. Da die Musik für Viola bastarda auf vokalen Vorlagen beruht, werden sie hier stets vor der instrumentalen Version gesungen – wunderbar klar und homogen vom Ensemble La Pedrina. Lebendig und sehr textbezogen erzählen sie singend von den süssen Erinnerungen in Pierre Sandrins «Doulce memoire», von der Anbahnung eines Liebesspiels in Thomas Crecquillons «Ung gay berger».
Und um die Akustik der Kirche voll auszukosten, positionieren sich die Sänger stets an anderen Stellen: Im geheimnisvoll dunklen Chor, auf der Orgelempore, und mitten zwischen den Zuhörenden. Und dass Paolo Pandolfo manche Stücke an diesem Abend frei improvisiert, das kann man nur auf Nachfrage herausfinden – so echt klingen seine eigenen Improvisationen, so frei sein Spiel ab Noten.

Ein neues altes Instrument
Tags darauf geht es für die Forscher und Musikfans weiter im dreitägigen Symposium «Stimme – Instrument – Vokalität », das sich der menschlichen Stimme als stetes Vorbild für die Instrumentalmusik aller Stile und Jahrhunderte widmet. Hier sind unter anderem die ersten Töne eines exklusiven neuen Nachbaus zu erleben: des Arciorganos, einer enharmonischen Orgel mit 36 Tasten pro Oktave (statt der normalen zwölf ). Damit hat sich die Schola Cantorum Basiliensis in diesen Tagen nicht nur als erstklassige Ausbildungs- und Lehrstätte hervorragender Musiker bewiesen, nicht nur als innovatives und vielseitiges Forschungsinstitut, das neben dem Quellenstudium auch Instrumente nachbaut, sondern auch als exzellenter Veranstalter präsentiert, dessen international anerkannter Ruf auch das heimische Publikum anzuziehen vermag.

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Bei „Partita 2“ kreiseln die Tänzer im Turnhallenflair

Veröffentlicht in der gedruckten Ausgabe der Badischen Zeitung, 09.03.2017

Partita 2 (Tanzperformance)

Mo, 27. Februar 2017
von: Michael Baas

Anna Teresa De Keersmaeker und Boris Charmatz mit ihrer Choreografie auf Bachs „Partita 2“ in der Kaserne Basel.

Die Choreografie beginnt im tiefen Dunkel mit Livemusik. Solo spielt die Violinistin Amandine Beyer in der pechschwarzen Reithalle der Kaserne Basel Johann Sebastian Bachs „Partita 2 d-Moll“, eine der vielen laut Rezeptionsgeschichte streng mathematisch strukturierten Kompositionen des Barock-Komponisten. Die naturtrüben Tonfarben der historischen Aufführungspraxis, der sich die Französin verschrieben hat, deuten indes schon an, dass das fünfsätzige an klassischen Tanzreihen orientierte Werk durchaus Unberechenbares in sich trägt. Nach gefühlten 15 Minuten verlässt Beyer mit klackerndem Schritt die immer noch stockfinstere Spielfläche und die „Partita 2“ bleibt als Echo, als Projektionsfläche stehen – „der Barock“ ein schwarzes Loch sozusagen.

Mo, 27. Februar 2017
von: Michael Baas

Anna Teresa De Keersmaeker und Boris Charmatz mit ihrer Choreografie auf Bachs „Partita 2“ in der Kaserne Basel.

Die Choreografie beginnt im tiefen Dunkel mit Livemusik. Solo spielt die Violinistin Amandine Beyer in der pechschwarzen Reithalle der Kaserne Basel Johann Sebastian Bachs „Partita 2 d-Moll“, eine der vielen laut Rezeptionsgeschichte streng mathematisch strukturierten Kompositionen des Barock-Komponisten. Die naturtrüben Tonfarben der historischen Aufführungspraxis, der sich die Französin verschrieben hat, deuten indes schon an, dass das fünfsätzige an klassischen Tanzreihen orientierte Werk durchaus Unberechenbares in sich trägt. Nach gefühlten 15 Minuten verlässt Beyer mit klackerndem Schritt die immer noch stockfinstere Spielfläche und die „Partita 2“ bleibt als Echo, als Projektionsfläche stehen – „der Barock“ ein schwarzes Loch sozusagen.

Plötzlich zerschneidet ein kegelförmiger Lichtstrahl vom Rand dieses Dunkelfeld. In der Stille und im diffusen Zwielicht links und rechts des schmalen Spots tauchen Anne Teresa De Keersmaeker und Boris Charmatz auf. Die 56-jährige Belgierin, eine Koryphäe des zeitgenössischen Tanzes und auf fast allen großen europäischen Festivals anzutreffen, sowie der 44-jährige Franzose haben Bachs Werk mit Beyer als Dritter im Bunde in einem zweijährigen Arbeitsprozess in ein zeitgenössisches Tanzstück transferiert. Uraufgeführt wurde das bereits 2013 und war damals unter anderen beim Berliner Tanzfestival „Foreign Affairs“ zu sehen.

Schemenhaft wie Figuren eines Scherenschnitts huschen Tänzerin und Tänzer nun über die spartanisch leere Spielfläche. Gleichsam unter der Glocke der nur als Erinnerung präsenten Musik ziehen sie tonlos ihre Bahnen entlang mit Kreide auf dem Boden angedeuteter Kreise. Sie schreiten. Sie laufen. Sie rennen. Sie hüpfen. Sie drehen sich um die eigene Achse. Sie probieren sich aus. Sie wiederholen, akkumulieren und kombinieren, paraphrasieren und konterkarieren ihre Bewegungen. Die zierliche, kleine Frau und der fast zwei Köpfe größere, schlaksige Mann kommen sich näher, werden sich in virtuosen Bewegungen gar gegenseitig zum Schatten. Mal bewegen sie sich synchron, mal asynchron. Aber immer antizipieren sie ihre Körperlichkeit, kreieren Körperbilder und einen auf Korrespondenzen beruhenden Bewegungsfluss: Sie schultert ihn, er wirbelt sie.

Es ist eine durchaus an Gymnastik erinnernde Tanzsprache. Das Turnhallenflair, die durch kaltes Neonlicht ergänzte Beleuchtung und das Outfit, die blauen und roten Turnschuhe, Charmatz’ Trainingsjacke und De Keersmaekers legeres schwarzes Kleid unterstreichen dieses sportliche Element noch. Das höfische bis ins Detail festgelegte und in Bachs Musik eingeflossene Barock-Zeremoniell gerät so jedenfalls zum Rohstoff einer vom neuen Körperbewusstsein der Lifestyle-Gesellschaft getränkten Übungseinheit, die mit der Zeit indes etwas zähflüssig gerät.

Der dritte Block verbindet Alte Musik und Neuen Tanz unmittelbar. Während Amandine Beyer im Zentrum der sich überschneidenden Kreise die „Partita 2“ spielt, die schwerblütige Sarabande mit den kreisenden Figuren oder die pulsierende Giga, nehmen De Keersmaeker und Charmatz zuvor entwickelte Motive und Bilder wieder auf, variieren sie, passen sie an an Bachs Musik, und übersetzen diese auch mal humorvoll in eine Bewegungssprache des 21. Jahrhunderts. In der abschließenden Chaconne steigert das Duo das in einen Rausch geteilter Bewegungen, die in dem Spannungsfeld der gefälligen Musik und des kalten, leeren Neonambientes eine irritierende Wirkung entfalten. Ein choreografisches Kleinod, das schon Beobachter der Aufführung in Berlin zum Ereignis erklärten. Das Basler Publikum sah das vom Beifall her zu schließen ebenso.

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