Der Sänger, Forscher und Harfenist Benjamin Bagby wird in Basel geehrt
von Simon Bordier
Benjamin Bagby hat zu oft über die Launen der Schicksalsgöttin Fortuna gesungen, als dass er seine eigenen Erfolge an die grosse Glocke hängen würde. Mit einem Lächeln erinnert sich der Sänger und Harfenist an seinen grössten Verkaufsschlager, eine CD mit Gesängen der Mystikerin Hildegard von Bingen (1098–1179). Klar, man habe weltweit über eine Million Exemplare davon verkauft, meint er im BaZ-Gespräch. «Aber ich befürchte, das hatte weniger mit wachsendem Interesse an Gregorianik als mit geschicktem Marketing zu tun.»
Der Sänger, Forscher und Harfenist Benjamin Bagby wird in Basel geehrt
Benjamin Bagby hat zu oft über die Launen der Schicksalsgöttin Fortuna gesungen, als dass er seine eigenen Erfolge an die grosse Glocke hängen würde. Mit einem Lächeln erinnert sich der Sänger und Harfenist an seinen grössten Verkaufsschlager, eine CD mit Gesängen der Mystikerin Hildegard von Bingen (1098–1179). Klar, man habe weltweit über eine Million Exemplare davon verkauft, meint er im BaZ-Gespräch. «Aber ich befürchte, das hatte weniger mit wachsendem Interesse an Gregorianik als mit geschicktem Marketing zu tun.» Die CD mit dem Titel «Canticles of Ecstasy» habe Anfang der 1990er-Jahre schlicht den Nerv der New-Age-Bewegung und ihrer esoterisch angehauchten Anhängerschaft getroffen.
Bagby selbst liegt Esoterik ziemlich fern, wie man am Freitag in der Predigerkirche Basel hören konnte. Bei dem Konzert der Freunde alter Musik Basel gab der 67-Jährige mit seinem Ensemble Sequentia «mittelalterliche Lieder von Helden, Göttern und starken Frauen» zum Besten. Das Trio – bestehend aus Bagby, Hanna Marti (Gesang und Harfe) und Norbert Rodenkirchen (Knochen- und Holzflöten) – entwickelte einen starken melodischen Bann. Mindestens so eindrücklich waren aber die gesungenen Texte: Die Kombination von christlichen und heidnischen Inhalten, von griechischen Göttern, Kraut und Rüben wirkte beinahe dadaistisch.
Preis für die Forschung
Den Rema Early Music Artist Award hätte Bagby als Esoteriker wohl auch gar nicht bekommen. Dieser wurde ihm im Anschluss an das Konzert für seine Verdienste mit dem 1977 gegründeten Ensemble und seine Forschung in mittelalterlicher Lyrik vergeben. Hinter dem Preis steckt Rema: ein europäisches Netzwerk für Alte Musik mit Sitz in Frankreich, dem gut 70 Institutionen aus 21 Ländern angehören. Die ersten Awards vergab Rema 2015 an die Schola Cantorum Basiliensis und das Hilliard Ensemble. Nebst Bagby wurde diesmal die digitale Forschungsplattform Early Music Sources.com von Elam Rotem und Jörg-Andreas Bötticher (auch bekannt als Cembalist der Schola Cantorum) ausgezeichnet.
Pionierarbeit geleistet
Bagby kam Mitte der 70er-Jahre aus den USA fürs Studium an die Basler Forschungs- und Lehrstätte: «Wer sich für Alte Musik interessierte, für den gab es nichts Grösseres als die Schola.» Es herrschte Aufbruchstimmung in einem Bereich, für den sich damals nur Exoten interessierten. Und so fing auch Sequentia als Studentengruppe an. Den Kern bildeten Bagby und seine Mitstudentin, Sängerin und Lebensgefährtin Barbara Thornton. Sie gingen nach dem Studium nach Köln. Der Anfang war abenteuerlich, doch dann gelangen in Kooperation mit dem Westdeutschen Rundfunk erste wichtige Aufnahmen. Seitdem hat das Ensemble mal in kleinerer, mal grösserer Besetzung Pionierarbeit geleistet.
Nebst einem grossen Zyklus mit Liedern von Bingens hat sich das Ensemble insbesondere um die historische Rekonstruktion des «Beowulf»-Epos verdient gemacht. Ein tiefer Einschnitt erfolgte dann im Jahr 1998 mit dem frühen Tod von Sequentia-Mitbegründerin Barbara Thornton. Heute ist Bagbys Hauptwirkungsstätte an der Universität Sorbonne in Paris.
«Der Rema-Award freut mich besonders, weil die Musik des Mittelalters oft im Schatten des Barocks steht», meint der Preisträger. Sonderlich zu beunruhigen scheint ihn dies aber nicht. Ihm sei klar, dass die Welt des Mittelalters eine völlig andere sei als die, in der wir heute lebten. Und doch könne man Bezüge herstellen. So beschäftige sich Benjamin Bagby zurzeit mit dem satirischen «Roman de Fauvel». Darin steht ein Mischwesen, ein Pferd oder ein Esel, im Mittelpunkt, das alle denkbar schlechten Eigenschaften in sich vereinigt – und an die Macht kommt. «Der Aktualitätsbezug ergibt sich fast von selbst», sagt Bagby.