Bei „Partita 2“ kreiseln die Tänzer im Turnhallenflair

Veröffentlicht in der gedruckten Ausgabe der Badischen Zeitung ,

Mo, 27. Februar 2017
von: Michael Baas

Anna Teresa De Keersmaeker und Boris Charmatz mit ihrer Choreografie auf Bachs „Partita 2“ in der Kaserne Basel.

Die Choreografie beginnt im tiefen Dunkel mit Livemusik. Solo spielt die Violinistin Amandine Beyer in der pechschwarzen Reithalle der Kaserne Basel Johann Sebastian Bachs „Partita 2 d-Moll“, eine der vielen laut Rezeptionsgeschichte streng mathematisch strukturierten Kompositionen des Barock-Komponisten. Die naturtrüben Tonfarben der historischen Aufführungspraxis, der sich die Französin verschrieben hat, deuten indes schon an, dass das fünfsätzige an klassischen Tanzreihen orientierte Werk durchaus Unberechenbares in sich trägt. Nach gefühlten 15 Minuten verlässt Beyer mit klackerndem Schritt die immer noch stockfinstere Spielfläche und die „Partita 2“ bleibt als Echo, als Projektionsfläche stehen – „der Barock“ ein schwarzes Loch sozusagen.

Mo, 27. Februar 2017
von: Michael Baas

Anna Teresa De Keersmaeker und Boris Charmatz mit ihrer Choreografie auf Bachs „Partita 2“ in der Kaserne Basel.

Die Choreografie beginnt im tiefen Dunkel mit Livemusik. Solo spielt die Violinistin Amandine Beyer in der pechschwarzen Reithalle der Kaserne Basel Johann Sebastian Bachs „Partita 2 d-Moll“, eine der vielen laut Rezeptionsgeschichte streng mathematisch strukturierten Kompositionen des Barock-Komponisten. Die naturtrüben Tonfarben der historischen Aufführungspraxis, der sich die Französin verschrieben hat, deuten indes schon an, dass das fünfsätzige an klassischen Tanzreihen orientierte Werk durchaus Unberechenbares in sich trägt. Nach gefühlten 15 Minuten verlässt Beyer mit klackerndem Schritt die immer noch stockfinstere Spielfläche und die „Partita 2“ bleibt als Echo, als Projektionsfläche stehen – „der Barock“ ein schwarzes Loch sozusagen.

Plötzlich zerschneidet ein kegelförmiger Lichtstrahl vom Rand dieses Dunkelfeld. In der Stille und im diffusen Zwielicht links und rechts des schmalen Spots tauchen Anne Teresa De Keersmaeker und Boris Charmatz auf. Die 56-jährige Belgierin, eine Koryphäe des zeitgenössischen Tanzes und auf fast allen großen europäischen Festivals anzutreffen, sowie der 44-jährige Franzose haben Bachs Werk mit Beyer als Dritter im Bunde in einem zweijährigen Arbeitsprozess in ein zeitgenössisches Tanzstück transferiert. Uraufgeführt wurde das bereits 2013 und war damals unter anderen beim Berliner Tanzfestival „Foreign Affairs“ zu sehen.

Schemenhaft wie Figuren eines Scherenschnitts huschen Tänzerin und Tänzer nun über die spartanisch leere Spielfläche. Gleichsam unter der Glocke der nur als Erinnerung präsenten Musik ziehen sie tonlos ihre Bahnen entlang mit Kreide auf dem Boden angedeuteter Kreise. Sie schreiten. Sie laufen. Sie rennen. Sie hüpfen. Sie drehen sich um die eigene Achse. Sie probieren sich aus. Sie wiederholen, akkumulieren und kombinieren, paraphrasieren und konterkarieren ihre Bewegungen. Die zierliche, kleine Frau und der fast zwei Köpfe größere, schlaksige Mann kommen sich näher, werden sich in virtuosen Bewegungen gar gegenseitig zum Schatten. Mal bewegen sie sich synchron, mal asynchron. Aber immer antizipieren sie ihre Körperlichkeit, kreieren Körperbilder und einen auf Korrespondenzen beruhenden Bewegungsfluss: Sie schultert ihn, er wirbelt sie.

Es ist eine durchaus an Gymnastik erinnernde Tanzsprache. Das Turnhallenflair, die durch kaltes Neonlicht ergänzte Beleuchtung und das Outfit, die blauen und roten Turnschuhe, Charmatz’ Trainingsjacke und De Keersmaekers legeres schwarzes Kleid unterstreichen dieses sportliche Element noch. Das höfische bis ins Detail festgelegte und in Bachs Musik eingeflossene Barock-Zeremoniell gerät so jedenfalls zum Rohstoff einer vom neuen Körperbewusstsein der Lifestyle-Gesellschaft getränkten Übungseinheit, die mit der Zeit indes etwas zähflüssig gerät.

Der dritte Block verbindet Alte Musik und Neuen Tanz unmittelbar. Während Amandine Beyer im Zentrum der sich überschneidenden Kreise die „Partita 2“ spielt, die schwerblütige Sarabande mit den kreisenden Figuren oder die pulsierende Giga, nehmen De Keersmaeker und Charmatz zuvor entwickelte Motive und Bilder wieder auf, variieren sie, passen sie an an Bachs Musik, und übersetzen diese auch mal humorvoll in eine Bewegungssprache des 21. Jahrhunderts. In der abschließenden Chaconne steigert das Duo das in einen Rausch geteilter Bewegungen, die in dem Spannungsfeld der gefälligen Musik und des kalten, leeren Neonambientes eine irritierende Wirkung entfalten. Ein choreografisches Kleinod, das schon Beobachter der Aufführung in Berlin zum Ereignis erklärten. Das Basler Publikum sah das vom Beifall her zu schließen ebenso.